Freitag, 15. Januar 2016

Über das Werden Wollen

Was  uns antreibt, "Etwas aus uns zu machen" und wie sehr das unserer Zufriedenheit im Weg steht.

Irgendwann stellt sich wohl jeder mal die Frage nach dem, was man im Leben noch erreichen will, oder schon hat. Dabei steht leider der materielle Reichtum bei den meisten Menschen weit im Vordergrund zu dem, was wir in Intellektueller, in geistiger Hinsicht erreichen können. Was aber, um das gleich deutlich zu sagen, nicht Thema dieses Artikels sein soll. Überhaupt geht es nicht darum, ob dies, oder jenes richtig, oder falsch ist, sondern um die Betrachtung von Tatsachen, die unser Leben begleiten.


Höher, Weiter, Schneller, immer schneller
Machen Sie doch ruhig mal kurz einen Selbsttest und fragen sich, wofür sie sich entscheiden würden, wenn die Auswahl extrem weise, oder extrem reich wäre.

Ich würde fast wetten, die Meisten von Ihnen entscheiden sich sogar für das Geld, wenn die Auswahl die Zusätze ... "extrem weise und glücklich, oder extrem reich, aber krank", enthalten würde. Wobei man natürlich sofort entgegen setzen könnte: "Wie sieht es denn da mit Steven Hawking und Robert Geissen aus?" Aber gut, das jetzt nur am Rande

Was uns heute interessiert, sind die Ursachen für diesen, meist als ganz selbstverständlich hingenommenen Drang, unbedingt "Etwas zu werden". Etwas, das gesellschaftlich nicht nur anerkannt, sondern welches Respekt, oder sogar Bewunderung hervorruft, dem man nachstrebt, oder sogar verdammt neidisch darauf ist.
Nicht wenige Menschen glauben sogar ganz fest daran, dass es nicht nur ihre Pflicht wäre, dieser gesellschaftlichen Forderung nachzukommen, sondern meinen obendrein ein Recht darauf zu haben, jedes notwendige Mittel anzuwenden, wenn dieses nur dem Zweck dient. Dabei gehen einige auch soweit, sozusagen auf die dunkle Seite der Macht zu fallen und kriminell zu werden, oder im schlimmsten Fall andere Menschen deswegen zu bedrohen, sie zu bestehlen,  ihnen weh zu tun, oder bis zum Äußersten zu gehen, bis zum Mord aus reiner Habgier.

Noch sind diese Extreme natürlich in der Minderzahl. Noch ..., aber auch das soll nicht unser Thema sein, sondern nochmal: Wo liegt die Ursache dieses Verlangens nach aufgebürdeter Pflichterfüllung? Warum nimmt jeder den Druck und die Angst und jede andere Anstrengung ganz selbstverständlich hin, ohne dies jemals in Frage zu stellen?

Wahrscheinlich müssen wir dafür ganz vorne anfangen. Also ganz weit vorne, bei der Zeugung eines, in dem Fall, menschlichen Nachkommens. Schon bei der Auswahl des "Erzeugungspartners" spielt die mögliche Weitergabe von Anlagen und Fähigkeiten, von den Erzeugern ans Kind, eine große Rolle. Wenn auch oft unterbewusst, sucht sich Mensch den Partner, bei dem das Ergebnis am Aussichtsreichsten erscheint.

"Bei den Eltern, wird das Kind bestimmt mal was ganz Besonderes!" Die Frage in wieweit hier schon das vorschwebene Ziel also materiell, oder intellektuell, für die spätere Prägung eine Rolle spielt, sei mal dahingestellt und relativ offen betrachtet. Sagen wir einfach 50/50 dafür, dass es wohl seinen Anteil haben wird.

Die Schwangerschaft ist dann begleitet von unzähligen guten Wünschen für das, was mal werden soll, aus dem Sprössling und nicht selten haben Eltern da sehr genaue Vorstellungen. Liegt also da schon die alleinige Ursache? Bleibt uns, durch den Plan der Erwachsenen, schon von Geburt an gar keine andere Chance als diesen zu erfüllen, oder gänzlich in Ungnade zu fallen? Etwas, das besonders kleine Kinder gerne vermeiden, tun sie doch förmlich Alles für die Liebe der Eltern.

Zumindest wird es dem kleinen Menschenwesen nicht gerade einfach gemacht und es scheint recht klar, warum die Meisten es vorziehen, sich dem stetigen Wettbewerb des Werden Wollens anzuschließen, auch wenn es niemandem wirklich Spaß macht, oder gar glücklich und zufrieden. Deshalb glauben wohl auch manche, es wäre einfach nur nötig das Gegenteil zu tun und mit allen Traditionen und Vorgaben der Familie zu brechen, um dem Druck der Planerfüllung zu entkommen. Doch leider ist es zum größten Teil eben nur das Gegenstück zum Plan und deshalb auch mit genauso viel Anstrengung, Angst und Druck verbunden.

Nicht zu vergessen die verschiedenen Abstufungen innerhalb der zwei Seiten. Vielleicht schauen wir das Ganze mal in der Realität an, an einem besonders komplizierten Beispiel.Stellen wir uns ein Ehepaar in den 60 Jahren, in Berlin vor. Die Frau brachte es mit 5 Jahren Volksschule, im dann viele Jahre in der sowjetisch besetzten Zone liegendem Mecklenburg un der folgenden Flucht nach Berlin, über die Haushaltshilfe einer Kaufmannsfamilie, bis zur Montiererin von Radiotransistoren, bei einer großen Elektronikfirma, wo sie dann bis zur Rente ihr Berufsleben verbrachte. Der Mann lernte in seiner Jugend mal Bäcker, landete aber schließlich auf dem Bau, als Kranführer, was auch er bis zu seinem Tod nicht mehr änderte.

Als Mitte der 60er Jahre ihr einziges Kind, ein Sohn, geboren wird, steckt der von Anfang an in einer besonderen Zwickmühle. Denn schnell wird klar, die intellektuellen Fähigkeiten des Sohnes übersteigen die der Eltern, schon im Grundschulalter, um ein Vielfaches und entgegen dem heeren Wunsch der Mutter, der Sohn möge ein Fabrikarbeiter im leicht gehobenen Dienst, also zum Beispiel stellvertretender Lagerabteilungsleiter mit Erlaubnis zum Führen von Gabelstaplern werden, schwebt dem eher eine Laufbahn in der Kunst, oder der Wissenschaft vor.

Folgt das Kind nun also dem Wunsch der Eltern und hat damit ein Leben lang ein gesichertes Einkommen, ist aber genauso lange unglücklich, weil total unterfordert, oder folgt er seinem Traum und muss dadurch nicht nur um die Liebe der Eltern und um deren Anerkennung kämpfen, sondern muss gleichzeitig jederzeit stark genug sein, dem Vorurteil "Musik machen ist doch kein Beruf" entgegentreten und deshalb nicht  nur gut sein, sondern immer besser, am Besten der Beste. Denn sonst wäre seine Wahl und sein handeln nicht nur vor den Eltern, oder vielleicht sogar der ganzen Familie, sondern nicht mal vor sich selbst zu verantworten.

Doch der Kommentar der Mutter, wenn der Sohn erfolgreich von der Bühne kam, war und blieb für immer: "Haste gut gemacht Junge, aber morgen suchste dir ne richtige Arbeit, ne?!" Und so jagt er vielleicht bis heute einem Ziel hinterher, das auch wenn vielleicht sogar erreichbar, doch niemals wirklich zu erreichen ist, weil es eben von Anfang an überhaupt nicht darum ging, was das Kind für sich selbst wollte und welches Leben es sich ganz allein gewünscht hätte.
Spannend, oder?

Vielleicht fragen sie ich gerade: "Ähhhhhh?! Aber warum macht der Junge denn nicht das, was er will? Der ist doch angeblich so schlau!" Tja, genau da sind wir wieder bei der heutigen Frage im ewigen Quiz des Lebens (Schleim ...): Warum tun wir nicht das, was uns glücklich macht, sondern jagen das ganze Leben einem Bild hinterher, welches nicht mal von uns selbst gemalt und entworfen wurde? Warum scheint es der einzige Sinn des Lebens zu sein, etwas werden zu müssen, selbst wenn uns der Weg dahin nur Schmerz und Kummer bereitet.

Halten wir hier einmal kurz inne. Bitte schauen Sie mal eben in sich und machen sich Gedanken darüber, in wieweit sie diesem gesellschaftlichem Diktat, es unbedingt im Leben zu etwas bringen zu müssen, unterliegen. Wie oft glauben Sie von sich selbst, nicht genug zu sein, oder getan zu haben?
Keine Angst, keiner hört, oder sieht sie dabei, also eine gute Chance mal ehrlich zu sich selbst zu sein..., ich weiß, scheiße schwer, aber eben auch sehr spannend.

In der frühesten Kindheit werden vom ersten Schritt, bis zum ersten Stuhlgang exorbitante Partys gefeiert und der Wettbewerb wird einem mit in die Wiege gelegt. Ob es die Leistungen später  in der Schule sind, die je nach Gemütsausrichtung, schon hier entweder in Richtung Wissenschaft, Sport, oder "Professionelles Hartz Viering" zeigen, oder das beste Kostüm zu Fasching, überall werden wir vom Werden verfolgt und gedrängt. Besser, schneller, schlauer, stärker, reicher usw...
Wobei es dann manchmal sogar wichtiger scheint, was die Anderen darüber denken und wissen, als die Realität als gegeben hinzunehmen.

Kommt einem immer bekannter vor, oder ? Man könnte das jetzt bis zum Lebensende weiter führen und sich auch noch den verschiedenen Möglichkeiten des Funktionierens, oder Verweigerns widmen, aber ich denke und gehe jetzt einfach mal davon aus, jeder weiß was gemeint ist und kann das mit den eigenen Lebenserfahrungen vergleichen. Ihr Schafft das ...

Wir haben jetzt also die Frage nach dem "Warum" gestellt. Schauen wir doch gleich auch noch mal auf ein mögliches "Stattdessen".

Denn was wäre, man ließe die konditionierte, also die erlernte, manchmal unfreiwilig erworbene Denkart darüber, wie die Dinge des Lebens zu handhaben sind, die uns durch die Eltern, die Großeltern, die Verwandten, die Lehrer, das Fernsehen, oder was weiß ich noch alles zu dem gemacht haben, was wir glauben zu sein, mal völlig beiseite. Also mal aufhören zu glauben, so wie es schon für die Alten gut war, kann es für mich nur besser sein und sich erlauben neugierig anders zu handeln und mit den Konsequenzen umzugehen. Wäre das möglich? Jetzt sofort?!

Und??? Verzeihung für die abgedroschene Floskel, aber, wie fühlt sich das an? Wird es Ihnen leichter ums Herz, oder verfallen sie eher in die Schockstarre der eigenen Verantwortung. Ist es Ihnen vielleicht sogar ganz lieb, dass sich andere um ihren Weg gekümmert haben. Sich Gedanken gemacht haben und diese Ihnen als Wahrheiten präsentiert haben. Vielleicht ist das genau das, was Sie persönlich brauchen, um zufrieden zu sein. Ob nun wirklich, oder scheinbar spielt hierbei keine Rolle.
Vielleicht reicht es ja aus und Sie sind zufrieden. Fast schon wieder beneidenswert, hätt ich fast gesagt ...

Wenn das aber nicht so ist, wenn Sie nicht nur heute bemerkt haben, der vorgezeichnete Weg ist gar nicht der den sie wirklich gehen wollen, aber es fällt ihnen einfach schwer dem entgegen zu wirken, oder es gar einfach zu lassen, dann kann ich zumindest berichten, dass es funktioniert, wenn auch zunächst mal nur ganz kurz, was klar macht, dass eben auch Denken geübt und trainiert werden kann und muss.
Man muss es sich eben nur ein ums andere Mal wieder erlauben, oder vielleicht sogar eine Menge Mut dafür aufbringen.

Was Sie nun mit diesen Gedanken anfangen die wir eben überfolgen haben, ist wie immer, ganz allein Ihre Sache und liegt in Ihrer Verantwortung. Was uns zum nächsten Gedanke führt ..., dem Einverstanden sein.

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