Montag, 21. Januar 2019

Eine wundersame Wandlung - vom Steh- zum Sitzpinkler

Hermann L. hatte 61 Jahre lang auch nicht im Entferntesten an die Möglichkeit gedacht, dass etwas plötzlich nicht mehr so einfach und selbstverständlich laufen würde, wie er es bisher gewohnt war. So ganz nebenbei konnte es in letzter Zeit allerdings schon mal passieren, dass der eine oder andere Tropfen sozusagen "verloren“ ging und auch die Meisterschaft früherer Jahre in bezug auf Intensität und absolute Treffsicherheit wurde nur noch selten erreicht.
Bei diesen traurigen Anlässen dachte er voller Wehmut an die kindlichen "Doktorspiele" zurück, in deren Verlauf alle daran beteiligten Jungen bis auf eine Ausnahme - Phimose im postoperativen Stadium - den Mädchen in der sportlich durchgeführten Disziplin des so genannten "Weit- und Zielstrullens" deutlich überlegen waren. Dies führte dann oft zum sofortigen Abbruch der im übrigen hoch interessanten Übungen, da die Verliererinnen durch diese häufigen Niederlagen sehr frustriert waren und jegliches Interesse an noch weitergehenden Forschungen, bzw. mehr allgemeinen Untersuchungen verloren hatten.
An dieser Stelle soll auch kurz auf die in jüngerer Zeit allerdings heftig umstrittene "Penisneid-Theorie" von Altmeister Siegmund Freud hingewiesen werden, wonach Frauen zumindest zeitweise den Männern ihr primäres Geschlechtsorgan nicht gönnen und es lieber selbst hätten.
Auch in späteren Jahren hatte das Bild eines aufrecht stehenden und versonnen vor sich hin strullenden Mannes für L. eine gewisse Faszination. Vor allem dann, wenn der bernsteinfarbene Strahl in einem langen und schönen Bogen genau in das vorgesehene Ziel traf. Dies alles vermittelte ihm ein Gefühl großer Gelassenheit, ja sogar einer gewissen Souveränität im Umgang mit der normalerweise eher banalen Verrichtung.
Besonders schöne Erinnerungen hatte er an die nicht gerade seltenen Gelegenheiten, wenn er diesem dringenden Bedürfnis in der Natur freien Lauf lassen konnte. Vielleicht spielten hierbei auch gewisse Urinstinkte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gehört doch im Reich der Säugetiere die Markierung des eigenen Herrschafts- und Einflussbereiches zu den vordringlichsten und wichtigsten Verhaltensweisen des Männchens. Vollends erhärtet wird diese Ansicht durch das im Verlaufe dieses Rituals geradezu automatische Aufsuchen eines Baumes, der einerseits als markanter Duftträger dient, andererseits zusätzlich aber auch einen gewissen Schutz vor eventuellen Angriffen ehemaliger und somit besonders eifersüchtiger Revierinhaber bietet. Schließlich befindet Mann sich doch in einer vergleichsweise wehrlosen Position, die zu einem heimtückischen Überfall ermutigen könnte. Es soll auch schon Bisse tollwütiger Füchse gegeben haben.
An diesem für Hermann L. denkwürdigen Abend im November befand er sich plötzlich und vollkommen unerwartet selbst in einer Situation, von der er bis dato nur vom Hörensagen Kenntnis hatte.
Nach dem Genuss zweier gut gekühlter Biere blieb nämlich die bisher immer als ganz selbstverständlich empfundene zeitlich versetzt vollzogene "Erleichterung" aus und führte nach anfänglicher Verblüffung über die ungewöhnliche Situation zu einer unbestimmten Furcht, die sich im Laufe der folgenden Stunden zu einer regelrechten Panik entwickelte. Eine ärztliche Diagnose war schnell gestellt: Akute Harnverhaltung bei vorhandenem Prostata-Adenom in schon fortgeschrittenem Stadium!
Eine eilig vorgenommene Katheterisierung im Krankenhaus führte nur zu einem kurzzeitigen Erfolg und musste bald durch eine sogenannte "Ballon-Katheterisierung" ersetzt werden.
Hierbei wird ein Plastikschlauch durch die untere Bauchwand auf direktem Weg in die Harnblase gelegt. Dort verhindert ein kleiner Ballon das versehentliche Herausrutschen der neuen Leitung. Am sichtbaren anderen Ende des Schlauches befindet sich ein Ventil, das wie ein ganz normaler Wasserhahn betätigt werden kann. Über einen Adapter können verschiedene Beutel angeschlossen werden.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, was der so bedauernswerte Mann nach all diesen Manipulationen fühlte und die Ahnung, dass er sich zu diesem Zeitpunkt erst ganz am Anfang seiner Leidenszeit befinden würde, machte die Sache nicht besser. 
Nach langwierigen Tests und zermürbendem Warten auf negative, oder weit schlimmer, positive Untersuchungsergebnisse fand sich der Patient nach einer ihm unendlich erscheinenden Wartezeit auf der Station Uro 1 im vierten Stock des Krankenhauses wieder. Er fühlte sich hilflos und allein gelassen.
In der Schilderung aller Maßnahmen fortzufahren, die nun dringend geboten erschienen und letztlich zur wundersamen Bekehrung des Stehpinklers Hermann L. von einem bisher so „standhaften“ Saulus zu einem künftig auf der Toilette sitzenden Paulus führten, würde das vielleicht jetzt noch vorhandene Mitgefühl des bisher geduldigen Lesers zu sehr strapazieren. Daher werden die im übrigen uninteressanten Details einer teilweisen Resektion der Prostata inklusive einer alle Beteiligten sehr überraschenden nachfolgenden Übernachtung auf der Intensivstation nicht näher beschrieben. Zumal Hermann L. verständlicherweise nur über sehr verschwommene und mehr in den Bereich der Träume gehörende Erinnerungen verfügt. 
Viel aufregender und interessanter gestalteten sich die nachfolgenden Tage und Nächte. Vergleichbar mit einem Fegefeuer, das im Gegensatz zum Aufenthalt in der Hölle immer noch eine Art Hoffnung bedeutet.
Auf den ersten und vermutlich auch auf den zweiten Blick unterscheidet ein Uroflow, vom Pflegepersonal liebevoll "Flowchen" genannt, sich in nichts von einer normalen Toilette. Kurz gesagt geht es darum, durch die Messung der in einer bestimmten Zeit geflossenen Harnmenge und seiner Intensität einen genauen Aufschluss in Form einer grafischen Kurve zu bekommen. Hierbei müssen vorgegebene Standards erreicht und über mehrere Tage eingehalten werden. Außerdem wird anschließend die nicht abtransportierte Restharnmenge erfasst. Auch sie darf einen ganz bestimmten Wert nicht übersteigen.
All dies ist hervorragend geeignet, den Delinquenten in die furchtbaren Abgründe der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu stürzen und somit das erfolgreiche Überwinden der letzten und alles entscheidenden Hürde vor einer Entlassung zu verhindern. Ein mehrmaliges Versagen hätte nämlich eine erneute Operation zur unausweichlichen Folge gehabt!
An der Tür des Uroflows fällt übrigens noch auf, dass gelegentlich ein nicht zu übersehender flackernder roter Schriftzug das Betreten verbietet. Bisher hatte der Genesende aber weder die Veranlassung noch ein größeres Interesse daran, nähere Erkundigungen über Sinn und Zweck dieses Ortes einzuziehen.
Dies änderte sich allerdings schlagartig, als im Verlauf einer ärztlichen Visite eher beiläufig ein Besuch desselben gewünscht und auf dessen enorme, ja geradezu fundamentale Bedeutung hingewiesen wurde. Irritierend war auch der gemurmelte Hinweis, unbedingt mit voller Blase gleichzeitig aber auch völlig entspannt auf ganz natürlichem und direktem Wege dort eine erste "Funktionsprüfung" vorzunehmen.
Hat der Patient das Uroflow erst einmal betreten, vermittelt ihm ein nicht näher zu lokalisierendes Summen und schmatzende, zeitweise auch gurgelnde Geräusche, das Gefühl einer insgesamt irritierenden und bedrückenden Atmosphäre.
Erste Panik kommt auf, weil sich die Tür nicht schließen lässt. Schon so mancher arme Teufel hat nämlich dort einen völlig unerwarteten Kreislaufkollaps erlitten. In diesem Fall ertönt dann ein Alarmton und das herbeigeeilte Pflegepersonal kümmert sich routiniert um den Unglücklichen.
Bedingt durch den enormen Stress, eine unter Umständen wochenlang blockierte Leitung wieder in Betrieb setzen zu müssen, ist das Gehirn offenbar nicht fähig sich da völlig rauszuhalten und einfach laufen zu lassen, was laufen soll.
Gebieterisch fordert ein unübersehbarer Text übrigens noch dazu auf, den alles entscheidenden Vorgang ausschließlich nur im Sitzen zu absolvieren. Zu diesem Zweck gibt es normalerweise eine Klobrille. Wer aber jetzt unter ihr das vertraute Becken erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr lauert ein überdimensionierter Trichter leise vibrierend auf ein messbares Ergebnis. Ein mit ihm verbundener ungewöhnlich dicker Schlauch verläuft in einigen Kringeln nach unten und verschwindet im Fußboden.
Wer jetzt noch einigermaßen entspannt Platz genommen hat verfügt wahrlich über starke Nerven. Der Erwartungsdruck auf den Patienten ist ungeheuer und führt erfahrungsgemäß beim ersten Mal bei fast allen Probanden zu einem sogenannten "kontrollierten Abbruch". So auch bei unserem Herrn L., der ganz geknickt und übrigens im wahrsten Sinn des Wortes "am Boden zerstört" war. Er hatte große Mühe, nach seiner erfolgreich verlaufenen Wiederbelebung seine Enttäuschung zu überwinden.
Im Laufe der nächsten Stunden wurde der wiederholte Besuch des Uroflows für ihn zum Albtraum und an eine entspannte Sitzung war nicht mehr zu denken. Hinzu kam eine in ihrer Tragikomik kaum zu überbietende Szenerie.
Eine schier endlose Prozession alter Männer trippelte oder schlich in den mit allerlei medizinischem Gerät vollgestopften Gängen und Fluren der Station umher. Viele der Patienten waren mit ihren jeweiligen Urinbeutelchen fest verbunden, die sich nur durch den Farbton ihres Inhaltes voneinander unterschieden und so dem Kundigen sofortigen Aufschluß über den genauen Zeitpunkt der bereits erfolgten Operation vermittelten.
Es gab die Schamhaften, die ihren wichtigen Begleiter unter dem obligatorischen Bademantel versteckt hatten. Aber es gab auch die Stolzen, deren ganz offen getragener Beutelinhalt fast schon wieder in normalen Farben schimmerte. Und die allerdings nicht ahnten, was in den nächsten Tagen für ein furchtbares Horror-Szenario auf sie zukommen würde.
Vereinzelt irrten auch ganz normale Besucher umher, die beim Anblick einiger besonders roter Beutel, was auf eine erst kürzlich überstandene Operation hindeutete, schaudernd die Augen niederschlugen und mit eiligen Schritten dem Ausgang zustrebten. Alle Zurückgebliebenen aber blickten verstohlen und voller Neid auf die vermeintlich Glücklichen, die ohne "Zubehör" lässig umherschlenderten, um nach einer gewissen Zeit dann wie zufällig nacheinander hinter der Tür des Uroflows zu verschwinden.
Seit einiger Zeit war der einzige Stuhl gegenüber fast ständig besetzt und Herr L. musterte mit einem leidvoll erworbenen Kennerblick die Heraustretenden, beziehungsweise die hinaus Getragenen. Letztere erregten verständlicherweise sein besonderes Mitgefühl und seine Anteilnahme. Er hatte das tröstende Gefühl, diesem seelenlosen Ungeheuer nicht allein ausgeliefert zu sein.
Nachdenklich saß er auf seinem Platz und ganz allmählich reifte in den folgenden Stunden bei ihm ein zunächst noch unbestimmter Gedanke zu einem wahrhaft genialen Plan, der nur noch getestet und zu gegebener Zeit ausgeführt werden mußte.
Es ist ruhig auf der Station Uro 1 um 5 Uhr am Morgen und Nachtschwester Bärbel hat gerade ihren letzten Kontrollgang beendet. Gleich wird sie den üblichen Bericht in der "Teeküche" bei gedämpfter Musik und dem Genuß einer starken Tasse Kaffee zu Ende schreiben.
Am Ende des langen Flures wird vorsichtig die Tür von Nr. 4035 geöffnet und ein Mann - angetan mit einem hier um diese Zeit üblichen kurzen Nachthemdchen - tritt vorsichtig heraus und eilt mit schnellen Schritten zum Ort seiner traumatischen Niederlagen.
Energisch und voll finsterer Gedanken betritt er den Vorhof zur Hölle. In der etwas zitternden rechten Hand hält er eine halbvolle Flasche. Der Inhalt besteht aus eigener Produktion und ist so klar wie geschliffener Bernstein. Er soll, so ist es geplant, unter exakter Berücksichtigung ganz bestimmter Intervalle von unterschiedlicher Dauer und Quantität in den heimtückisch vibrierenden Schlund des Ungeheuers geschüttet werden, um dadurch ein ideales Ergebnis zu simulieren. Doch plötzlich überkommt ihn mit Urgewalt ein unwiderstehlicher Drang, sich ganz entspannt hinzusetzen und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen.
Später wundert sich die Frühschicht über eine offensichtlich nur zur Hälfte ausgetrunkene Flasche. Sie steht auf dem Boden des Uroflows und sieht aus, als könne sie kein Wässerchen trüben.
Copyright by Fred Lang

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